Dresdner Komfort für das "fahrende Volk" Europas

Zampano, der kettenzerbrechende Artist mit der Kraft eines Bären und dem Gehirn eines Spatzen, ratterte in seinem mitleiderregenden Eigenbau-Combi über die Kino-Leinwände der ganzen Welt. Hinten drin in dem klappernden, zugigen Bastelvehikel aus Motor-Dreirad und Mikro-Heuschober hockte seine Assistentin Gelsomina, schweißbedeckt im Sommer, froststarr im Winter.

Kaum mehr Komfort beherbergte dieser ungemütliche Kasten als der Planwagen, den Bertolt Brechts Marketenderin Courage durch den Dreißigjährigen Krieg zog. Ein Schluck von der Geschäftstüchtigkeit jener Mutter Courage - und Zampano hätte sich gewiß einen zeit- und standesgemäßeren Wohnwagen beschaffen können. Aber ein etwas reicherer Zampano hätte die Filmkunst um ein vorzügliches, weltberühmtes Werk, Fellinis "La Strada" ärmer gemacht ... Das "fahrende Volk" - wie die Artisten oft genannt werden, kann es sich heute in der Regel leisten, in einem zünftigen Wohnanhänger über die Straßen Europas zu fahren - komfortabel, dafür freilich ohne Filmromantik. Sollte das nächste Engagement nur im Eiltempo zu erreichen sein - bitte sehr: Unbesorgt darf man das Gaspedal treten, weil der schnittige Anhänger natürlich nicht schleudert und ihm 100 und mehr Stundenkilometer ausgezeichnet behagen, Appetit auf eine leckere Mahlzeit? Wohl bekomm's: Der eingebaute mehrflammige Propangaskocher ist schon bereit. Die Reste des Mahls können im hygienischen Spülbecken wieder von Teller und Besteck gewaschen werden. Ist's kühl? Einen Augenblick bitte, gleich verbreitet die Gasheizung wohlige Wärme ...

Daß die bittere "La-Strada"-Romantik der Kinoleinwand überlassen bleibt, verdanken viele Artisten Europas nicht zuletzt dem Dresdner Fahrzeugbaumeister Richard Nagetusch. Und daß dessen fahrbare Kleinstwohnung nicht Privileg der berufsmäßig Reisenden werden, sondern allmählich auch von den Camping-Freunden benutzt werden können, das wiederum ist die Folge der wagemutigen Umstellung vom Handwerksbetrieb zum großzügigeren Industrieunternehmen. Seit 1931 ist Herr Nagetusch Inhaber eines handwerklich arbeitenden Spezialbetriebs für Karosseriebau. Nach und nach begann er mit dem lustigen, aber recht eigenwilligen Zirkusvölkchen einen geschäftlich-freundschaftlichen Faden zu spinnen. Und das."fahrende Volk" merkte, daß es mit den Nagetusch-Fahrzeugen gut fuhr. Innerhalb weniger Jahre erwarb sich der Dresdner Karosseriebaumeister den Ruf eines vortrefflichen "Maßschneiders", dessen Schere die Blechschere, dessen Zwirn die Schweißelektroden waren. Mochten die wilden Tiere noch so groß, die Komfortansprüche der Artisten noch so extravagant sein - die Firma Nagetusch erfüllte alle Zirkuswünsche. Die wuchtigen Elefantentransporter oder die äußerlich plumpen Dreiachswohnwagen mit der oft luxuriösen Innenausstattung rollten gemächlich dahin, Jahre, Jahrzehnte - beinahe zu lange ...

Der Feuersturm des 13. Februar 1945 vernichtete auch die Produktionsräume der Firma Nagetusch. Am Stadtrand wurde neu begonnen. Vorwiegend standen Reparaturen auf dem Werkstattplan. Es folgte der Bau von Entseuchungsfahrzeugen und fahrenden Büchereien. Neben viel Flickarbeit standen mühevolle Sonderkonstruktionen in einmaliger Ausführung oder in ganz geringen Serien. Bis sich Ende der fünfziger Jahre Herr Nagetusch entschloß, auf Maßanfertigung zu verzichten und zur Konfektion eines marktgängigen Fahrzeugs überzugehen. Teste auf dem europäischen Fahrzeugmarkt hatten ergeben, was sich Artisten und Künstler wünschten: Einachsige, leicht gebaute Wohnanh6nger, äußerlich eine lacko und chromglänzende Augenweide, innen zweckmäßig, ohne überflüssigen Zierat ausgestattet, fahrtechnisch kein Hindernis bei "zügiger" Fahrweise. Nach diesen Grundsätzen bastelte die Firma Nagetusch ihren ersten modernen Wohnanhänger.

Die damit gewonnenen Erfahrungen wurden in einem Ausstellungsstück konzentriert, das auf der Herbstmesse 1958 viele Schaulustige anzog. Auch Kaufinteressenten waren darunter. Ihre Aufträge reichten aus, um mit der Herstellung von größeren Wohnanhängerserien beginnen zu können. Bald häuften sich die Anfragen, weil die ersten Wogen von ihren stolzen Besitzern überall in Europa herumgefahren wurden und so kostenlose Reklameläufer in eigener Sache waren.

Jetzt ließ sich im Betrieb vieles wirtschaftlicher gestalten. Die Serienfertigung gestaltete die Rationalisierung des Betriebsablaufs. Ein Sorgenfaktor, die individuelle Materialplanung, erübrigte sich. Und der Umsatz stieg von 1958 bis 1961 um 35 Prozent.

Die Nagetusch-Wagen, ursprünglich für Artisten gebaut, gefielen auch den Camping-Fans. Und so entstand ein Produktionsprogramm, das nicht mehr die Wünsche einer eng begrenzten Berufsgruppe befriedigte, sondern das allen Interessenten entgegenkommt, die den Begriff "Hotel" aus ihren Reiseplänen gestrichen hoben. Die Nachfrage in der Schweiz, in Holland, Dänemark, Schweden, Westdeutschland und der CSSR überstieg binnen kurzem die Liefermöglichkeiten. Deshalb mußte ein volkseigener Betrieb einspringen und im Lizenzbau die Fertigung von mehreren hundert Wagen übernehmen.

Fast jeder der lohnintensiven Wohnwagen, der aus dem Dresdner Werktor rollt, läßt wertvolle Devisen ins Land fließen. leider würdigen verschiedene staatliche Stellen diese Tatsache nur ungenügend. Wäre Herr Nagetusch nicht zu einem "Nagetier" wider Willen geworden, das immer wieder zäh an den Bürotüren knabbert und sich durch dicke Aktenstöße hindurchbeißt, dann würde das Exportbild der Firma bei weitem ungünstiger aussehen.

Zum Beispiel sind beim Exportgeschäft gespritzte Dachschalen aus glasfaserverstärktem Polyester von großer Bedeutung. Diese Neuentwicklung spart Gewicht, hebt die Arbeitsproduktivität und läßt auf lange Zeit, auch unter extremen klimatischen Bedingungen, kein Wassertröpfchen hindurch. Doch alle Dienststellen, gegen die Vater und Sohn Nagetusch beharrlich anrennen, verschanzen sich immer wieder hinter einer offenbar uneinnehmbaren Barrikade, genannt "Rohstoffschwierigkeiten".

Wer auf dem Freigelände der Technischen Messe in Leipzig inmitten einer bunten Wagenburg des 20. Jahrhunderts einen mittelgroßen, quicklebendigen Endfünfziger mit buschigen Augenbrauen sehen sollte, irgendwie on einen ergrauten Zirkuskünstler erinnernd, mit ausländischen Kunden lebhaft im Gespräch - - der möge insgeheim einen Tusch blasen: einen Tusch für Nagetusch, dem es viel Selbstüberwindung gekostet haben mag, seine allmählich gereifte handwerkliche Produktion zeitgerecht zu entromantisieren.


Quelle:
Die private Wirtschaft,
Ausgabe 3'1962
Dresdner Komfort für das "fahrende Volk" Europas, S. 17 ... 19
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